In Deutschland gibt es rund 800 Verteilnetzbetreiber (VNB). Jeder davon hat eigene Prozesse, eigene Portale und eigene Anforderungen an den Datenaustausch mit Energieversorgern. Es gibt keine zentrale Plattform, kein einheitliches Portal, keine standardisierte API. Was es gibt, ist ein regulatorisches Rahmenwerk namens Marktkommunikation, das definiert, wie dieser Austausch ablaufen muss. Und genau dieses Rahmenwerk ist für viele Energieversorger der größte operative Engpass.
Marktkommunikation (MaKo) bezeichnet den gesamten regulierten Datenaustausch zwischen Energieversorgern, Verteilnetzbetreibern (VNB) und Messstellenbetreibern (MSB). Sie umfasst alle Prozesse, die notwendig sind, damit ein Lieferantenwechsel funktioniert, Messwerte korrekt zugeordnet werden und Stammdaten aktuell bleiben. Wer MaKo nicht beherrscht, kann nicht abrechnen. Und wer sie manuell betreibt, verliert Stunden pro Woche an Prozesse, die automatisiert laufen könnten.
Die drei Säulen: GPKE, GeLi Gas und WiM
Die Marktkommunikation gliedert sich in drei zentrale Regelwerke, die jeweils einen Bereich des Datenaustauschs abdecken:
GPKE (Geschäftsprozesse zur Kundenbelieferung mit Elektrizität) regelt den Datenaustausch im Strommarkt. Darunter fallen Lieferantenwechsel (An- und Abmeldungen), Stammdatenänderungen, Netznutzungsabrechnungen und die Kommunikation zwischen Lieferant und VNB. Jeder Wechsel eines Endkunden von einem Versorger zum anderen löst eine Kette von EDIFACT-Nachrichten aus (UTILMD für Stammdaten, MSCONS für Messwerte), die innerhalb definierter Fristen verarbeitet werden müssen. Eine Ablehnung durch den VNB, etwa wegen fehlerhafter Daten, bedeutet Neustart des Prozesses und Verzögerung.
GeLi Gas (Geschäftsprozesse Lieferantenwechsel Gas) ist das Pendant für den Gasmarkt. Die Prozesse sind strukturell ähnlich, aber mit eigenen Nachrichtentypen, eigenen Fristen und eigenen Besonderheiten in der Zuordnung von Marktlokationen. Wer sowohl Strom als auch Gas vertreibt, muss beide Regelwerke parallel beherrschen.
WiM (Wechselprozesse im Messwesen) regelt den Wechsel des Messstellenbetreibers. Seit der Trennung von Netzbetrieb und Messwesen (Messstellenbetriebsgesetz 2016) ist der MSB ein eigenständiger Marktakteur. WiM definiert, wie der Wechsel zwischen Messstellenbetreibern kommuniziert wird und wie Messdaten zwischen MSB, VNB und Lieferant fließen.
Alle drei Regelwerke basieren auf dem EDIFACT-Standard für den Nachrichtenaustausch. Die relevantesten Nachrichtentypen sind UTILMD (Stamm- und Bewegungsdaten), MSCONS (Messwerte und Lastgänge) und INVOIC (Netznutzungsrechnungen). Parallel dazu entwickelt sich mit BO4E ein neuer, JSON-basierter Standard, der EDIFACT mittelfristig ablösen soll. Und mit AS4 kommt ein neues Kommunikationsprotokoll, das den bisherigen Nachrichtenaustausch per E-Mail und FTP ersetzen wird.
Warum manuelle MaKo nicht skaliert
In vielen Energieversorgungsunternehmen werden MaKo-Prozesse noch manuell oder halbautomatisch betrieben. Das bedeutet: EDIFACT-Nachrichten werden per E-Mail empfangen, manuell geprüft, in interne Systeme übertragen und Fehler einzeln korrigiert. Bei einem Portfolio von wenigen hundert Kunden ist das machbar. Bei 5.000 oder 50.000 Marktlokationen wird es zum operativen Risiko.
Die häufigsten Probleme bei manueller Marktkommunikation:
Ablehnungen durch den VNB, weil Stammdaten nicht korrekt oder nicht fristgerecht übermittelt wurden. Jede Ablehnung erfordert manuelle Nacharbeit und verzögert den Lieferantenwechsel. Fehlende oder verspätete Messwerte, die dazu führen, dass Rechnungen nicht erstellt werden können oder auf Schätzwerten basieren. Stammdatenänderungen (Umzug, Zählerwechsel, Tarifwechsel), die in einem System erfasst, aber nicht an den VNB kommuniziert werden. Und doppelter Aufwand, weil Strom (GPKE) und Gas (GeLi Gas) in getrennten Workflows laufen, obwohl der Kunde oft beides bezieht.
Energieversorger, die diese Prozesse manuell betreiben, investieren je nach Portfoliogröße zwischen 5 und 35 Stunden pro Woche allein in MaKo-bezogene Aufgaben. Das ist Zeit, die nicht in Kundenbetreuung, Produktentwicklung oder Vertrieb fließt.
Was Automatisierung konkret verändert
Eine automatisierte MaKo-Lösung ersetzt manuelle Eingriffe durch regelbasierte Verarbeitung. EDIFACT-Nachrichten werden automatisch empfangen, validiert und dem richtigen Vorgang zugeordnet. Ablehnungen werden klassifiziert und mit Korrekturvorschlägen versehen. Stammdatenänderungen werden bidirektional synchronisiert. Und die gesamte Kommunikation mit VNB und MSB läuft im Hintergrund, ohne dass das operative Team jeden einzelnen Vorgang manuell anstoßen muss.
Der entscheidende Punkt ist die Verbindung zur Energieabrechnung. Wenn MaKo und Abrechnung auf derselben Plattform laufen, arbeitet die Abrechnungsengine mit validierten, abgestimmten Daten. Rechnungen basieren auf echten Messwerten statt auf Schätzungen. Und regulatorische Änderungen (MaKo 2022, Redispatch 2.0, zukünftige BO4E-Migration) werden zentral eingespielt, ohne dass jeder Mandant ein eigenes Update-Projekt braucht.
Fazit
Marktkommunikation ist das operative Rückgrat jedes Energieversorgers in Deutschland. GPKE, GeLi Gas und WiM definieren, wie Daten zwischen Marktakteuren fließen. Wer diese Prozesse manuell betreibt, akzeptiert vermeidbare Fehler, Verzögerungen und operativen Overhead. Wer sie automatisiert, schafft die Grundlage für skalierbare, fehlerarme Abrechnung und kann sich auf das konzentrieren, was den Unterschied macht: bessere Produkte und besserer Kundenservice.
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